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Zeitreise: 1943 – Die Flutwelle der zerstörten Edertalsperre erreicht Karlshafen

1943 ist das Jahr, in dem in Stalingrad die sechste Armee unter Generalfeldmarschall Friedrich Paulus kapituliert. Die Geschwister Scholl werden wegen ihres Widerstands gegen den Nationalsozialismus hingerichtet und der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler wird geboren. Im selben Jahr stirbt der russische Pianist, Komponist und Dirigent Sergei Rachmaninow. Während in Karlshafen und an anderen Orten an der Weser der Muttertag begangen wird, starten am 16. Mai 1943 in England dreizehn Bomber, um im Herzen des damaligen Deutschen Reiches drei Talsperren anzugreifen. Die Flutwelle der am 17. Mai zerstörten Edertalsperre erreicht am 18. Mai Karlshafen und führt dort zu einem Pegelstand von 8, 57 Meter – eines der größten Hochwasser in der Stadt: Der Krieg kommt erstmals in die Stadt.

  

Kriegsziele

1943 hatte die Luftwaffe gegnerischen Angriffen nicht mehr viel entgegen zu setzen und daher nahm der Luftkrieg gegen das Deutsche Reich mehr und mehr zu. Am Spätnachmittag dieses Sonntags im Mai starteten im englischen Scampton im Rahmen der Operation Chatise insgesamt dreizehn Maschinen, um in die Möhnetal-, die Edertal- sowie die Sorpetalsperre zu bombardieren. Obwohl die Berge rund um den Edersee den Anflug der Maschinen erschwerten, gelang es am 17. Mai um 1:30 Uhr die Staumauer der Edertalsperre mit einer vier Tonnen schweren und 3,4 Meter Durchmesser umfassenden Rotationsbombe zu zerstören. Die Einwohner am Flusslauf der Eder konnten nicht mehr gewarnt werden, insgesamt geht man davon aus, dass die beiden Angriffe auf die Möhne- und die Edertalsperre „370 Reichsdeutsche und 341 Kriegsgefangene verschiedener Nationalitäten“ getötet haben. Die riesigen Wassermassen flossen bei Grifte von der Eder in die Fulda und gelangten schließlich bei Hannoversch Münden in die Weser. Das Sprengloch in der Staumauer hatte eine Länge von zweiundzwanzig Metern und eine Tiefe von elf Metern.

 

Warten auf die Flutwelle

Es war nur eine Frage der Zeit, bis ein Großteil der insgesamt 160 Millionen Kubikmeter Wasser Karlshafen erreichen würde. Im Gegensatz zu den Anwohnern der Eder war man vorgewarnt und konnte sich auf die Überflutung einstellen. Dennoch waren die Menschen von den Wassermassen überrascht – letztlich übertraf die Flutwelle die Hochwasser der Jahre 1841 und 1890 – vielleicht nicht an Pegelhöhe, aber durch den Wasserschwall sicher an Intensität.

In den Abendstunden des 18. Mai stand das Wasser schließlich in der Weserstraße: Der Pegelstand hatte einen Wert von 8,57 Metern erreicht. Der normale Stand des Fahrwassers betrug lediglich 1,50 Meter. Natürlich enthielt die Flutwelle bereits jede Menge Hausrat, Bäume, Tierkadaver und sogar Gartenhäuser. Es ist auch von einem Stall die Rede, in dem noch lebende Kaninchen saßen. Zwei Weserdampfer wurden aus ihrer Verankerung gerissen und konnten erst kurz vor Beverungen wieder festgelegt werden.

Im Laufe des Vormittags des 19. Mai flossen die Wassermassen ab, nun konnte mit der Entfernung des Unrats, des Schlamms sowie der verdorbenen Vorräte begonnen werden. Die Schüler hatten zwar schulfrei, wurden jedoch zu den Aufräumarbeiten herangezogen.

Der nächste verheerende Luftangriff erreichte die Region, als in der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober Kassel bombardiert wurde. Den roten Schein der brennenden Stadt soll man sogar noch Karlshafen aus gesehen haben. Eine Zeitzeugin hat mir davon erzählt, dass sie an jenem Abend auf ihrem Balkon stehend den feuerroten Himmel hat beobachten können.

 

Gedenken an den Bombenangriff

75 Jahre nach dem Bombenangriff gibt es einige Zeitungsartikel, die diesem Ereignis gedenken – zwei Beispiele zum Weiterlesen:

 

HNA: Flutwelle ungeahnten Ausmaßes – Bombardierung der Edersee-Staumauer: Flutwelle überraschte 1943 Menschen im Edertal, 17. Mai 2018  (aufgerufen am 18. Mai 2018)

Spiegel: Die Nacht der Sintflutbomber, EinesTages am 15. Mai 2013  (aufgerufen am 18. Mai 2018)

 

Quellen und zum Weiterlesen

Wagner, Horst (1999): Karlshafen im Zweiten Weltkrieg, Reihe „Beiträge zur Geschichte der Stadt Karlshafen und des Weser-Diemel-Gebiets“, Band 10, Verlag des Antiquariats Bernhard Schäfer, Bad Karlshafen.

Bohn, Robert (2000): 1699-1999 Karlshafen – Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Hessischen Planstadt aus der Barockzeit, Reihe „Beiträge zur Geschichte der Stadt Karlshafen und des Weser-Diemel-Gebiets“, Band 11, Verlag des Antiquariats Bernhard Schäfer, Bad Karlshafen.

Operation Chatise: Wikipedia (aufgerufen am 18. Mai 2018)

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