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Das Literaturfestival Helmerateshusa (1): Ein zweifelhaftes Vergnügen

Für zwei Monate weilt derzeit die Schriftstellerin Jenifer Becker in Bad Karlshafen, da sie für das Stipendiat „Land in Sicht“ des Hessischen Literaturrats ausgewählt wurde. Was liegt also näher, als im „Geschichtensommer an der Diemelmündung“ die Kurzgeschichte „Das Literaturfestival Helmerateshusa (1): Ein zweifelhaftes Vergnügen“ aus Teil 3 „2020“ des Essaybands „Bad Karlshafen 2.0 – Visionäres Kopfkino für die nördlichste Stadt Hessens“ zu veröffentlichen?

Ich wünsche Ihnen viel Spaß mit der Geschichte über einen Schriftsteller, der auf urkomische Art und Weise seiner eigenen Wichtigkeit zum Opfer fällt, als er dachte, der eigentliche Star des (leider immer noch fiktiven) Literaturfestivals Helmerateshusa zu sein.

Übrigens, am 1. August 2018 gibt es im Rahmen der Reihe „Kunst im Gewölbe“ eine Lesung mit Jenifer Becker (19.00 Uhr, Kunstantiquariat Schäfer, Bad Karlshafen, Conradistraße 2).

 

Das Literaturfestival Helmerateshusa (1):
Ein zweifelhaftes Vergnügen

»Ich würde mich gerne auf meinen reservierten Platz setzen. Dazu müssten Sie aber Ihren Rucksack wegstellen.«

Hermann schaute von seinem Buch auf und sah einen circa dreißigjährigen Mann in Anzug und Hut, der mit wenig Geduld in den blauen Augen auf die ihm seiner Ansicht nach zustehende Antwort wartete.

»Bitte.« Leider war der Zug sehr voll und alle Gepäckablagen mit Koffern, Rucksäcken und Taschen belegt. Hermann überlegte, ob er seinen Rucksack einfach zwischen die Beine stellen sollte, kam dann aber wieder davon ab. Der Mann klopfte ungeduldig mit den Fingern auf die Lehne des Vordersitzes. »Ich bringe mal eben meinen Rucksack nach vorne, muss aber zuvor den Laptop herausnehmen.«

Er glaubte ein »Wenn´s sein muss« gehört zu haben, ganz sicher war er jedoch nicht. Er nahm den Computer und das Kabel heraus, dann drängte er sich an dem ihm im Weg stehenden Mann vorbei auf den Gang. Hermann wollte seinen Rucksack in der Gepäckablage in der Mitte des Abteils abstellen, irgendwie platzierte er ihn zwischen den beiden Riesenkoffern, die mit Paramaribo-Anhängern versehen waren. Das war doch in Suriname, dachte Hermann bei sich. Als er wieder an seinen Platz kam, sah er, wie der Mann damit beschäftigt war, das Kabel seines eigenen Laptops in die einzige Steckdose zu stecken.

Als er Hermanns überraschten Blick sah, sagte er mit einem fast zärtlichen Tätscheln des Computers: »Ich muss nämlich noch dringend meine Rede fertig schreiben. Ich bin ja schließlich der Ehrengast auf dem bedeutsamen Literaturfestival Helmerateshusa. Ich darf mich vorstellen, mein Name ist Doktor Gregor Falkenstein, Autor und Literaturwissenschaftler.«

»Angenehm, Hermann Kappe«, erdreistete er sich, die Koryphäe an seiner Seite zu unterbrechen. Mittlerweile konnte er gut flunkern, ohne gleich rot zu werden. Der Vorname stimmte zwar überein, doch hatte er selbst bei diesem narzisstischen Zeitgenossen Angst, dass er ihn erkennen würde. Da ihm nichts Besseres einfiel, nahm er einfach den Nachnamen von Kommissar Hermann Kappe aus der Berliner Krimibuchreihe Es geschah in Berlin …, von der er inzwischen alle gut dreißig Bände gelesen hatte.

Der egozentrische Panzer zwischenmenschlicher Kommunikation walzte gnadenlos weiter in Richtung des eigenen Egos. »Ich habe ja bereits erwähnt, dass ich auf dem Weg nach Helmarshausen bin. Ja, das ist der richtige Name des kleinen, aber in der Literaturwelt überregional bekannten Veranstaltungsortes.« Hermann nannte ihn im Geiste schon längst Doktor Frankenstein, doch zu mehr gedanklichen Leistungen war er nicht fähig, sein Sitznachbar ließ ihm einfach keine Atempause. »Ich gehe davon aus, Helmerateshusa ist Ihnen ein Begriff?«

»Nein«, entgegnete Hermann. Er kreuzte in diesem Moment im Geiste die Finger hinter seinem Rücken.

»Was, das gibt es doch nicht!« Die Empörung war dem selbst ernannten Literaturpapst anzusehen. »Ich werde Sie dann mal über die groben Züge dieses wichtigen Bücherfestivals unterrichten. Ich fasse es immer noch nicht, dass Sie Helmerateshusa nicht kennen.«

Hermann bemühte sich, interessiert zu gucken. Flüchten konnte er kaum: Sein Laptop war quasi stromlos, der Kopfhörer zum Musikhören lag zudem in der Deckelklappe des nun acht Meter entfernten Rucksacks. Dass er sein Buch nahm und weiterlas, würde Doktor Frankenstein sicher nicht davon abhalten, ihn weiter vollzutexten – der Mann hatte nun mal eine Mission zu erfüllen.

Wie ein Wasserfall rauschte, so quasselte er in einem fort: »Das Literatur- und Lesefestival Helmerateshusa besteht aus Lesungen an drei verschiedenen Standorten: Ich beispielsweise halte meine Lesung und das Meet and greet im legendären Deutschen Haus unten im Ort ab. Ich freue mich schon auf die stimmige Atmosphäre in dieser urigen Kneipe. Ich habe erst gestern erfahren, dass dort schon einmal Aufnahmen für einen Tatort gemacht wurden.« Er sprach quasi ohne Punkt und Komma: »Ich wurde übrigens persönlich vom Bürgermeister der Stadt angefragt, und das, obwohl zunächst nur Krimiautoren aus der Region vorgesehen waren. Ich gehe davon aus, dass man nach meiner Zusage einem von ihnen wieder abgesagt hat. Die Lesung im Deutschen Haus ist natürlich die zentrale Veranstaltung des Festivals.«

Klar, weil du dort liest, du armer Tropf, dachte sich Hermann.

»Nehmen Sie mir es nicht übel, aber nur ein paar Krimiautoren in einer Kneipe – das allein klingt nicht nach einem Mekka berühmter Schreiberlinge?« Hermann wollte seinen neuen Freund noch ein bisschen zu neuen Höchstleistungen motivieren.

»Da haben Sie ausnahmsweise einmal recht. Ich möchte aber auch die anderen Standorte nicht unerwähnt lassen.« Umständlich holte er einen Prospekt vor, der über und über von Kaffeeflecken bedeckt war: »Auf einer sogenannten Krukenburg sollen zwei Veranstaltungsblöcke stattfinden: Von 14.00 bis 16.00 Uhr ist Familienlesezeit, vor allem soll es dort um Kinderbücher gehen. Von 17.00 bis 19.00 Uhr werden an gleicher Stelle die historischen Romane behandelt. In der Kirche am Kloster wird es um Flucht und Heimat gehen – ein in meinen Augen aber längst ausgelutschtes Thema.«

Hermann sah den blauen Folder, der aus den Unterlagen herauslugte. Daher wusste er auch sofort, warum Doktor Frankenstein etwas so Dummes sagte.

»Ich bin außerdem der Ehrengast auf dem im Anschluss an die Vorträge beginnenden großen Fest der Bücher. Hatte ich bereits erwähnt, dass das Fest auf dem alten Klostergelände stattfinden wird? Ich gehe davon aus, dass ich dort vermutlich noch einmal spontan für das versammelte Publikum werde lesen dürfen. Auf der großen Bühne gibt es unter anderem weitere Lesungen und einen regionalen Poetry-Slam-Wettbewerb. Daneben findet den ganzen Abend auch noch ein großer Bücherflohmarkt statt, in Zusammenarbeit mit dem Hottentottenmuseum und örtlichen Buchhandlungen und Antiquariaten.«

Es sind die Hugenotten, du Idiot, dachte Hermann bei sich. Mittlerweile hatte er das Gefühl, dass sich in seinem Kopf jetzt im Moment die eine oder andere Gehirnzelle überlegte, augenblicklich Selbstmord zu begehen. »So ein Schwachsinn«, grummelte er dann auch leise vor sich hin.

»Ich habe Sie leider nicht verstanden, was war Ihre Frage?«

»Ach, nichts.«

Doktor Frankenstein fuhr ohne weitere Gedanken an seinen Sitznachbarn fort: »Ich habe lange überlegt, ob ich nach Helmarshausen fahren sollte. Ich konnte mich aber glücklicherweise freimachen, da ich am Montag zu einem wichtigen Gespräch mit Herrn Professor Doktor Doktor Kasimir van Beuren an die Universität in Göttingen eingeladen bin. Ich gehe davon aus, dass er mich und meine Arbeit beobachtet hat und mich nun für sein Team gewinnen will.«

Bis einem die Ohren bluten, dachte Hermann bei sich. Er beschloss, sich mit Doktor Frankenstein einen kleinen Spaß zu machen, vielleicht könnte er damit die dringend benötigte Zeit zum Schreiben seiner neuen Texte dann wenigstens moralisch als Recherchezeit verbuchen.

Bevor er auch nur die Chance hatte, irgendwie in den Dialog einzugreifen, hatte Doktor Frankenstein bereits wieder die Gesprächsführung an sich gerissen. Nun wurde Hermann jedoch vom Inhalt des Gesprächs überrascht: »Ich kann ja verstehen, dass Sie sich gerne mit mir unterhalten möchten. Doch muss ich unser interessantes Gespräch leider unterbrechen, da noch meine Rede für das Literaturfestival auf mich wartet.«

»Lassen Sie sich durch mich nicht stören«, antwortete Hermann. Denken tat er etwas anderes: Die Gehirnzellen werden nun vermutlich damit beginnen, Freudensprünge zu vollführen.

Leider war die himmlische Ruhe nur von kurzer Dauer: Der Mitreisende hatte kaum drei Minuten auf der Tastatur herumgehackt – so grobschlächtig konnte man den Fingeranschlag als Außenstehender mit gutem Gewissen bezeichnen –, da hörte er auch schon wieder auf. »Ich brauche erst einmal ein Käffchen.« Er klappte den Laptop zusammen und steckte ihn in seine Tasche.

Bevor Hermann jedoch das erste Mal tief durchatmen konnte – angesichts dieser kommunikativen Verschnaufpause –, wurde er bereits wieder angesprochen. »Ich trink jetzt einen Kaffee – und Sie?«

Er war wirklich überrascht, sollte er sich vielleicht doch in dem Mann getäuscht haben? »Gerne, aber bitte mit Milch und Zucker.«

Der Mann stand auf, jedoch ging er nicht in Richtung Zugcafé, sondern er schien ihm Platz machen zu wollen: »Ich lass Sie dann mal durch, Sie können mir ja bitte einen Kaffee mitbringen – und zwar schwarz wie die Nacht. Danke. Ich kann dann die Zeit nutzen und weiterarbeiten. Ich wollte mich auch nicht so gerne irgendwo anstellen müssen.«

Hermann hörte, wie seine Kinnlade auf dem Boden des Großraumwagens aufschlug. So etwas Dreistes hatte er noch nicht erlebt. Gute Miene zum bösen Spiel, dachte er bei sich und stand auf.

»Ich bitte Sie, passen Sie doch auf, dass Sie nicht auf den Computer treten!« Wortlos ging er an dem Mann vorbei in Richtung Bordcafé.

Endlich eine Verschnaufpause, dachte er bei sich. Doch wusste Hermann auch, dass er die Zeit nutzen musste, um einen Plan zu entwickeln. Solche Antagonisten konnte man sich selbst in der lebhaftesten Fantasie nur schwerlich ausdenken.

Er musste durch drei Großraumabteile laufen, bevor er das Bordcafé erreicht hatte. Vor sich sah er eine lange Schlange auffällig gekleideter junger Damen stehen. Hermann vermutete, dass das wieder einer von diesen zahlreichen Junggesellinnenabschieden und den Mädels gerade der Sekt ausgegangen war.

Hermann kam eine Idee – gemein, aber gut. Es war eine gute halbe Stunde vergangen, bevor er zurückkam. Natürlich lagen Doktor Frankensteins Sachen nun auch auf seinem Sitz. Doch anstatt aufzustehen oder ihm zumindest die Last abzunehmen, machte er ein vorwurfsvolles Gesicht und blaffte ihn an: »Ich warte nun schon ewig, bestimmt ist der Kaffee schon ganz kalt.«

Hermann reagierte nicht auf diese Frechheit, vielmehr wollte er schnellstmöglich wieder auf seinen Platz, »Sie gestatten?« Doktor Frankenstein schaute ihn nur fragend an und wollte sich gerade wieder auf den Computer konzentrieren, als Hermann doch das erste Mal etwas direkter wurde: »Ich möchte gerne auf meinen Platz.«

Die Antwort, die er zu hören bekam, war legendär: »Ich arbeite gerade, das ist derzeit ein bisschen schlecht.« Nun aber reichte ein Blick von Hermann, seinen Sitznachbarn von der Notwendigkeit zu überzeugen, den Platz aufzuräumen und Hermann durchzulassen.

Hatte er zunächst noch Skrupel gehabt, so war er nun der festen Überzeugung, mit den Mädchen die richtige Wahl getroffen zu haben, um seinen kleinen Racheplan in die Tat umzusetzen. Dass es mit dem Kaffee so lange gedauert hatte, war nicht nur dem Alkoholisierungsgrad und der Unentschlossenheit der Mädels geschuldet. Nein, er musste sich ja noch ein bisschen informieren und hatte sich daher auf seinem Smartphone den Wikipediaeintrag von Gregor Falkenstein durchgelesen und seine Amazonbewertungen gecheckt. Danach wusste er, was zu tun war. Es brauchte nur wenig Überredungskunst, um die Mädels für seinen gemeinen Plan zu gewinnen.

Während Hermann gemütlich seinen Kaffee trank, tat Doktor Frankenstein so, als würde er arbeiten. Einmal klingelte sein Telefon und es machte ihm auch nichts aus, in einem ausgewiesenen Ruheabteil ein lautstarkes Telefonat zu führen. Dass er damit bei den anderen Mitreisenden keine Sympathiepunkte sammelte, konnte Hermann nur recht sein. Während der Doktor unüberhörbar telefonierte, warf Hermann einen Blick auf den Bildschirm seines Nachbarn. Dieser bemerkte trotz des anstrengend wirkenden Telefonats diesen infamen Angriff auf seine Privatsphäre und klappte daraufhin den Computer zu. Nun wusste Hermann, wie er seinen Plan zu beginnen hatte.

Nach weiteren drei Minuten lautstarken Telefonats war es endlich vorbei, Hermann konnte beginnen. »Ich konnte gerade feststellen, dass neben mir ein berühmter Schriftsteller seinen Platz eingenommen hat. Sie sind auch Krimiautor?«

»Ich möchte ja nicht so gerne mein Inkognito lüften, doch hat Ihre Neugier Ihnen Ihre Frage ja bereits beantwortet.« Eitel strich er sich eine Strähne aus dem Gesicht. »Und ja, ich bin der berühmte Kriminalschriftsteller Doktor Gregor Falkenstein.« Doch bevor er weitersprechen konnte, tippte ihm eine circa zwanzig Jahre junge Frau auf die Schulter. Falkenstein unterbrach das Gespräch mit Hermann und schaute auf den Störenfried: Sicher ging ihm gerade durch den Kopf, wer sich zum Teufel erdreistete, ihn, den berühmten Dichter, zu stören! Hermann sah, dass sein Blick zur Seite wanderte, in den zugegebenermaßen auffälligen Ausschnitt der blonden Frau, die nun vor ihm stand. »Sie sind doch Gregor Falkenstein, der berühmte Krimiautor?« Die junge Dame, mit der Hermann kurz zuvor noch in klarstem Hochdeutsch gesprochen hatte, verfiel nun in ein recht auffälliges Lispeln.

»Ich bin es, Sie haben Glück, schönes Fräulein.«

»Ich habe alle Ihre Bücher gelesen«, schmeichelte sie ihm. Mord am Weichselufer ist mein absolutes Lieblingsbuch.« Sprach´s und nutze die Gelegenheit eines vorbeigehenden Mannes, ihren bereits aus Hermanns Sicht mächtigen Vorbau noch einmal etwas näher an Doktor Frankenstein heranzurücken.

»Sie … Sie …«, er fing an zu stottern. »Sie meinen bestimmt Mord am Weserufer, mein Fräulein?«

»Ach, klar, natürlich. Ich Dummerchen! Darf ich so vermessen sein und Sie fragen, wo Sie jetzt hinfahren?«

»Ich bin auf dem Weg nach Helmarshausen – ich bin nämlich der Stargast auf dem angesehenen Literaturfestival Helmerateshusa. Ich lese dort aus meinem neuen Buch Allerblut

Die Frau tat einen tiefen Seufzer. »Das muss Schicksal sein, denn dann sehen wir uns ja dort bereits wieder: Ich bin auch auf dem Weg nach Helmarshausen. Meine Schwester wohnt dort und ich will dann morgen auch gleich mit ihr auf das Literaturfestival gehen.« Sie warf in einer herausfordernden Bewegung ihr Haar zurück. »Mensch, da wird meine Schwester vielleicht neidisch sein, dass ich Sie hier getroffen habe. Ich werde Sie dann im Deutschen Haus mal miteinander bekannt machen, darf ich, bitte?«

»Ja, gerne, mein Fräulein.«

Der berühmte Kriminalschriftsteller wollte gerade mit seinem Flirtversuch fortfahren, da bemerkte Hermann, dass sein Sitznachbar erneut abgelenkt wurde. Sogleich sah er den Grund für diese zweite Ablenkung: Eine andere, ebenfalls recht aufreizend gekleidete, junge Dame kam auf sie zu.

»Doktor Falkenstein, das ist jetzt aber nicht wahr, oder?«

Während Hermann sich ein Grinsen kaum mehr verkneifen konnte, wurde das Gesicht des guten Doktor Frankenstein rot wie ein Pavianhintern.

Hermann war gespannt, was die Mädels sich ausgedacht hatten.

Die, die den berühmten Schriftsteller zuerst angesprochen hatte, machte den Anfang und stellte sich vor: »Ich bin übrigens die Ursula Kern, meine Freunde nennen mich Uschi.«

»Und vermutlich wissen die Jungs auch alle, warum das so ist.« Groupie Nummer 2 hatte diesen nicht sehr charmanten Kommentar abgelassen.

Zickenkrieg, prima Idee!, dachte Hermann.

»Was willst du, Bitch, du bist doch nur froh, dass die Schwangerschaftstests immer so schön bebildert sind!« Es schien, als wollte Uschi das Feld nicht kampflos räumen.

Die Kampfhennen standen sich nun Auge in Auge gegenüber. Hermann sah das selige Grinsen auf Doktor Frankensteins Gesicht – es war ganz eindeutig, dass ihm die Situation gefiel: Zwei Frauen schienen sich um ihn, den berühmten Kriminaldichter, zu streiten.

»Aber meine Damen, Sie werden sich doch nicht streiten?«

Uschi schien seinem Einwand zu folgen: »Das ist mir hier zu blöd. Ich sehe Sie ja morgen in Helmarshausen auf dem Literaturfestival, da können wir uns gerne einmal ungestört unterhalten. Wie wäre es um 18.00 Uhr am Haus der ehemaligen Synagoge?« Uschi schaute ihn dabei mit großen Augen an.

»Ich komme gerne, mein Fräulein.«

Hermann nahm belustigt zur Kenntnis, dass Doktor Frankenstein ihr hinterherstierte, als sie sich von seinem Platz entfernte.

»Beten wird dir auch nichts helfen, Schätzchen.« Derart von Groupie Nummer 2 entlassen, drehte Uschi ihr nur den ausgestreckten Mittelfinger entgegen. Unbeeindruckt von dieser Geste schrieb seine zweite Verehrerin derweil etwas auf einen Notizzettel. Als sie fertig war, reichte sie ihn Doktor Frankenstein. »Ich bin die Angelika und ebenfalls auf dem Weg nach Monz, fragen Sie einfach im Deutschen Haus nach mir, der Wirt ist mein Cousin. Auf dem Zettel finden Sie meine Handynummer.« Mit einem Zwinkern verließ auch sie ihn.

»Da-da-danke.« Hermann sah, dass Doktor Frankensteins Blick nun starr auf die abgehende Angelika gerichtet war.

Triumphierend sah der Autor Hermann an. Dieser wusste, dass die folgende Szene unvermeidlich war: »Sehen Sie, so macht man das: Zwei junge Küken schon morgen Abend in den Armen des berühmten Dichters.«

*

Im Deutschen Haus in Helmarshausen, vierundzwanzig Stunden später …

Gregor betrat die in einem hübschen Fachwerkhaus befindliche Gastwirtschaft, in der er am Abend seine Lesung halten sollte. Er schaute in die Gaststube, doch stand nur einsam ein Herr an der Theke. Es war noch früh …

»Ich suche den Wirt dieser Gaststube oder Herrn Winter, den Organisator des Literaturfestivals? Haben Sie sie vielleicht gesehen?«

»Die werden noch oben auf der Krukenburg sein.« Eine Frau erschien an einer Tür, die vermutlich in die Küche führte.

»Ich habe noch ein paar Dinge mit den Herren zu besprechen, wann erwarten Sie sie zurück?« Noch bevor sie antworten konnte, fuhr er fort: »Ich bin außerdem auf der Suche nach einem Fräulein Angelika?«

Die adrette Blondine mit der auffälligen Shrek-und-Fiona-Schürze blinzelte kurz, Gregor war etwas verunsichert. »Woher kennen Sie meine Cousine Angie?«

Gregor lief beim Geruch der frisch gebratenen Frikadellen das Wasser im Mund zusammen. »Ich durfte Sie gestern zufällig auf der Fahrt hierher im Zug kennenlernen. Eine nette junge Dame.« Er versuchte, ihr zu schmeicheln.

»Dann sind Sie sicher Doktor Gregor Falkenstein? Angie hat heute Morgen beim Frühstück von nichts anderem geredet. Sie freut sich schon sehr darauf, Sie heute Abend wieder zu treffen.«

Ein warmes Kribbeln durchflutete Gregors Körper und konzentrierte sich auf die Körpermitte: Das mochte ja ein toller Abend werden.

*

Auf dem Bücherfest am alten Kloster,
so gegen halb acht:

Gregor war sauer. Zunächst hatte ihn Uschi um 18.00 Uhr versetzt. Er hatte extra noch die Lesung mit diesem literarischen Dilettanten aus dem Nachbarort getauscht, damit er zur verabredeten Zeit am Treffpunkt an der alten Synagoge sein konnte – doch Uschi war nicht da gewesen. Frustriert war er in das Deutsche Haus zurückgekehrt, in dem sich rund fünfzig Besucher versammelt hatten, um den Krimiautoren zu lauschen. Gregor hatte extra fünfundzwanzig Exemplare von Allerblut mitgeschleppt und auch noch ein paar von Mord am Weserstrand, doch hatte sich der Verkauf nicht gelohnt. Nur zwei Exemplare war er losgeworden! Der Versuch, Angelika auf dem Handy zu erreichen, war ebenfalls fehlgeschlagen: Hatte er beim ersten Mal noch gedacht, er hätte sich verwählt, war eine gewisse Frau Schulte am Ende der Leitung beim zweiten Mal doch schon etwas verstimmt, ihn wieder an der Strippe zu haben. Als ihm dann noch so ein junger Schnösel die letzte Frikadelle vor der Nase weggeschnappt hatte, hätte er fast die Flucht ergriffen. Er dachte an seinen persönlichen Trainer und seine Ratschläge für Situationen dieser Art: »Durchatmen, nur immer ruhig durchatmen!« Gelangweilt ging er schließlich zum ehemaligen Klostergelände hinüber, dort wo bereits das Bücherfest begonnen hatte.

So weit, so gut. Seine Hoffnung, als Stargast noch einmal auf die Bühne zu kommen, hatte sich nicht erfüllt. Er würde sich nun notgedrungen noch eine Stunde hier herumdrücken und das eine oder andere Glas Wein trinken. Dann würde er sich ein Taxi rufen und sich in das Hotel nach Karlshafen bringen lassen. Gregor blickte auf und sah Achim Winter, Organisator und Moderator des Abendprogramms, die kleine Bühne betreten.

»Vielen Dank für diesen musikalischen Beitrag. Sie finden übrigens den kleinen Stand der Musikschule dort hinten rechts, gleich hinter der Bierbude. Gehen Sie ruhig mal vorbei und lassen Sie sich über die tollen Angebote informieren.«

Gregor sah, dass Winter das Manuskript zur Seite legte und das Mikro in die andere Hand nahm. »Den folgenden Gast brauche ich Ihnen nicht mehr anzukündigen: Hermann Dubinski ist eine der schärfsten Zungen des Landes und der aufstrebende Stern des deutschen Comedyhimmels.«

Er streckte den Arm aus in die Richtung, aus der er Dubinski erwartete. Bereits bevor Gregor ihn sehen konnte, erkannte er den Mann an seiner Stimme. Er musste sich festhalten, sonst wäre er an Ort und Stelle zusammengesunken. Von einer Sekunde auf die andere fühlte er sich elendig: Die Knie wurden zu Wackelpudding, das Herz begann zu rasen. Dann sah er ihn, den großgewachsenen Mann, ungefähr Mitte dreißig, mit braunen Haaren und Schirmmütze.

*

Zur gleichen Zeit, auf der Bühne des Bücherfestes:

»Eigentlich wollte ich heute mein gewohntes Programm herunterspulen und mich über die üblichen Verdächtigen aus Fernsehen und Internet lustig machen. Dann aber ist mir gestern etwas passiert, das werden Sie mir nicht glauben!«

Hermann schaute in die rund hundert Gesichter, die ihre Augen erwartungsvoll auf ihn richteten.

»Das Leben schreibt ja immer noch die besten Geschichten. Ich saß im Zug und war auf dem Weg von Hamburg nach Göttingen, um heute bei Ihnen hier in Helmerateshusa sein zu können. Da setzt sich doch ein Mann neben mich …«

Hermann schaute auf und erblickte den leichenblassen Gregor Falkenstein unter den Zuhörern und zwinkerte ihm kurz zu. Der blieb ruhig stehen, schaute aber starr in seine Richtung. Respekt, dachte Hermann, das hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Als er allerdings begann, die Ereignisse um Uschi und Angie zu schildern, hörte er das Klirren eines Glases, das vermutlich auf dem Asphalt zerschellte. Er schaute in die Richtung, wo der Mann noch wenige Momente zuvor gestanden hatte. Ein Grinsen ging über sein Gesicht: Er hatte Doktor Frankenstein endgültig vertrieben.

– E N D E –

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