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Das Literaturfestival Helmerateshusa (2): Nordhessen schreibt!

Für zwei Monate weilte die Schriftstellerin Jenifer Becker in Bad Karlshafen, da sie für das Stipendiat „Land in Sicht“ des Hessischen Literaturrats ausgewählt wurde. Sie hat während dieser Zeit sowie in dieser inspirierenden Umgebung an ihrem aktuellen Buch gearbeitet und mehrfach aus ihrem Manuskript gelesen. Aber warum nicht auch mal ein Literaturfesival in Bad Karlshafen oder Helmarshausen – und dazu gleich auch noch ein Schreibseminar für diejenigen, die schon immer von ihrem eigenen Buch träumen? Die Kurzgeschichte „Das Literaturfestival Helmerateshusa (2): Nordhessen schreibt“ stammt aus Teil 3 „2020“ des Essaybands „Bad Karlshafen 2.0 – Visionäres Kopfkino für die nördlichste Stadt Hessens“.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß mit der Geschichte über Carola, die auf dem Literaturworkshop »Nordhessen schreibt! – Regionaler Literaturworkshop für Anfänger und Könner« ihre Leidenschaft für das Geschichtenschreiben entdeckt. Zum Seminar gehört ebenfalls ein Besuch auf dem (leider immer noch fiktiven) Literaturfestival Helmerateshusa.

 

Literaturworkshop: Nordhessen schreibt!

»Super!« Als die zweiundfünfzigjährige Carola beim gemeinsamen Frühstück mit ihrer Familie eines Morgens im Mai die HNA aufschlug, las sie im Lokalteil die Anzeige »Nordhessen schreibt! – Regionaler Literaturworkshop für Anfänger und Könner«. Noch lange, nachdem ihre Tochter Nicole und die beiden Enkelkinder Kai und Jens bereits aufgestanden waren, hatte sie mit ihrem Mann Henning darüber gesprochen, dass sie gerne an diesem Seminar teilnehmen würde. Was hatte sie auch für ein Glück, dass das erstmalig stattfindende Literaturfestival Helmerateshusa eingebettet werden sollte in einen Workshop für Kreatives Schreiben – und das alles noch dazu quasi direkt vor ihrer Haustür. Sie geriet derart ins Schwelgen, dass ihr Mann bereits mit den Augen zu rollen begann. Etwaige Widersprüche ließ sie jedoch nicht gelten. Auch wenn Henning beispielsweise deutlich darauf hingewiesen hatte, dass er dann an diesem Wochenende Einkaufen und Kochen müsste. Doch Carola hatte kein Mitleid, vor allem bei solch schwachen Argumenten. Schließlich saß sie auch oft genug mit den Kindern alleine zu Hause, wenn er unbedingt zu einem Heimspiel der Eintracht fahren musste oder einen Angelausflug mit seinen Freunden unternahm.

Nein, nichts, aber auch gar nichts, würde sie davon abbringen, an diesem Wochenende mit dem Fahrrad den kurzen Weg vom Mittelberg zur ehemaligen Knappschaft hinaufzuradeln, um an diesem Workshop teilzunehmen. Sie hatte bereits in ihrer Jugend viel geschrieben – Gedichte und kleinere Geschichten. Das Wenige, das davon geblieben war, war der sehnsüchtige Blick auf die regelmäßigen Anzeigen »Schreiben Sie?« in ihrer Fernsehzeitschrift. Sie hatte sich jedoch nie aufraffen können, einen Coupon auszufüllen und wegzuschicken. Jetzt aber hatte sie die Gelegenheit auf ein Seminar direkt vor der Haustür – das war einfach zu verlockend.

Carola wusste bereits seit Längerem, dass in Helmarshausen ein Literaturfestival stattfinden sollte – ihr Sohn arbeitete an der Marie-Durand-Schule und war als Deutschlehrer in die Organisation mit eingebunden. Sie war damals noch sehr skeptisch gewesen: Ein Literaturfestival, hier in Monz? Wen würde das schon interessieren?

Nach und nach erfuhr sie mehr über die Veranstaltung und deren Programmpunkte. Nach einiger Bedenkzeit bot Carola jedoch an, über den Bürgerverein an der Organisation mitzuwirken, und schloss sich der Projektgruppe Helmerateshusa an – sicher ein Gewinn für alle Beteiligten. Carola konnte endlich etwas Sinnvolles für den Ort tun und ihre Mitstreiter in finanziellen Fragen von ihrer Ausbildung als Bankkauffrau profitieren. Außerdem eilte ihr in Familie und Nachbarschaft der Ruf einer semiprofessionellen Kuchenbäckerin voraus. Als sie ihren Mitstreitern jedoch mitteilte, dass sie zwar bei der Vorbereitung des Festivals mitwirken könne, während der Veranstaltung selbst aufgrund des Seminars aber nicht verfügbar sei, löste das nicht gerade Begeisterung aus.

»Wer soll denn dann die Kasse machen, da brauchen wir zuverlässige Leute!« oder »Deine Donauwellen werden uns aber fehlen!«. So oder so ähnlich lauteten die Reaktionen. Carola ließ sich jedoch nicht erweichen – zu groß war ihr Traum vom eigenen Kinderbuch.

Das Programm des Schreibseminars war für Carola wie maßgeschneidert: Am Freitagabend gab es nach dem gemeinsamen Abendessen eine Kennlernrunde und eine Einführung in das Thema. Anschließend hatten diejenigen, die gerne etwas vorlesen wollten, die Möglichkeit, den anderen in gemütlicher Runde bei einem Glas Wein aus ihren Manuskripten und Büchern vorzutragen. Auch Carola hatte bereits wieder angefangen zu schreiben – heimlich; keiner aus ihrer Familie wusste etwas davon. Eigentlich war die erste Geschichte bereits halb fertig. Sie würde aber sicher nichts daraus vorlesen – da war sie sich fast sicher. Sie kannte niemanden aus der Gruppe – was also, wenn die Geschichte nicht gut war und die anderen anfangen würden zu lachen?

Am Samstagmorgen standen die ersten Schreibübungen auf der Agenda. Der Rest des Samstags würde ganz im Zeichen von Helmerateshusa, dem Literatur- und Lesefestival unten im Ort, stehen. An drei Standorten sollten Lesungen abgehalten werden: Spannung im Deutschen Haus – drei Krimiautoren aus der Region und ein sogenannter Stargast hatten zugesagt, aus ihren Werken zu lesen, Familie sowie Geschichten aus der Geschichte – so die Namen der beiden Veranstaltungsblöcke auf der Krukenburg. Zunächst war von 14.00 bis 16.00 Familienlesezeit, vor allem sollte es um Kinderbücher gehen. Von 17.00 bis 19.00 Uhr würden an gleicher Stelle die historischen Themen behandelt werden. In der Kirche am Kloster würde es um Flucht und Heimat gehen, ein leider immer noch aktuelles Thema, wie Carola nur zu gut wusste. Sie hatte schließlich mehrere Jahre mit den Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak gearbeitet. Ab 19.00 Uhr würde auf dem alten Klostergelände das große Fest der Bücher beginnen, auf dem auf der kleinen Bühne auch noch weitere Lesungen und ein regionaler Poetry-Slam-Wettbewerb stattfinden sollten. Zudem wurde ein bekannter Comedian erwartet, den Carola bereits aus dem Fernsehen kannte. Parallel zu den Auftritten sollte es den ganzen Abend einen großen Bücherflohmarkt auf dem ehemaligen Klostergelände geben – in Zusammenarbeit mit dem Hugenottenmuseum und örtlichen Buchhandlungen und Antiquariaten. Der Abend war für Carola sozusagen auch der Höhepunkt des Wochenendes: Bei einem kleinen Abendessen im Deutschen Haus nach Abschluss der Lesungen dort würden sie einen der regionalen Krimiautoren kennenlernen, der den Seminarteilnehmern exklusiv für Fragen und Diskussionen zur Verfügung stehen würde. Carola freute sich schon, hier einmal hautnah einem richtigen Schriftsteller begegnen zu dürfen. Die anderthalb Stunden würden sicherlich wie im Fluge vergehen.

Am Sonntagmorgen würde der Workshop weitergehen – wieder stünden theoretische Fingerzeige und praktische Schreibübungen auf dem Programm. Nach dem Mittagessen würde sich die Gruppe im nahegelegenen Reinhardswald auf Spurensuche nach der Sieburg machen, Hessens größter Wallanlage. Die Teilnehmer sollten bei dieser kleinen Wanderung die Gelegenheit haben, sich noch besser kennenzulernen und sich fachlich auszutauschen. Übrigens legte die Seminarleitung offensichtlich großen Wert darauf, dass die Seminarteilnehmer ausschließlich aus der Region kamen und keine weiten Anfahrtswege hätten.

War man nämlich von der Wanderung zurück, gab es bei Kaffee und Kuchen den letzten Veranstaltungsblock, der die Gründung einer regionalen Schreibgruppe zum Ziel hatte. Der Bundesverband junger Autoren (BvjA) würde zwei Vertreter schicken, die die Teilnehmer bei der Gründung einer solchen Gruppe unterstützen sollten. »Gemeinsam«, so ihr Tenor in den Veranstaltungsunterlagen, sei es viel leichter, seine eigenen Texte zu verbessern – jeder konnte vom anderen lernen. Das Seminarende war gegen 17.00 Uhr vorgesehen.

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Freitagnachmittag, nach Kaffee und Donauwelle …

Heute war es endlich so weit: Die Nachbarin war ganz neidisch, leider hatte sie sich nicht rechtzeitig angemeldet und daher keinen Platz mehr bekommen. Die Anzahl der Teilnehmer war auf fünfzehn beschränkt. Es wurden nur Teilnehmer der Landkreise Kassel, Höxter, Holzminden und Northeim zugelassen – wegen der geplanten regionalen Gruppenbildung. Jeder hatte die Möglichkeit bekommen, bereits im Vorfeld einen Text oder gar ein Manuskript einzureichen. Die Wanderung am Sonntagnachmittag sollte dann auch dazu genutzt werden, in Einzelgesprächen über die jeweiligen Texte zu sprechen. Mit denen, die noch kein Manuskript hatten, sollte über ihr während des Seminars verfasstes Exposé für das erste Buch gesprochen werden. Carola hielt die blaue Mappe fest in der Hand – nun würde sie ihren kleinen Schatz wohl bald präsentieren dürfen. Denn Carola hatte ja bereits eine quasi halbfertige Geschichte in ihrer Schublade liegen – und keiner hatte je etwas bemerkt. Die wenigen Nachfragen aus ihrer Familie hatte sie mit »Ich schreibe in mein Tagebuch!« oder »Ich arbeite gerade an einem Gedicht über unsere schöne Krukenburg!« beantwortet. Keiner hatte sich danach je wieder für ihre Schreibleidenschaft interessiert.

Carola überlegte: Nach einer langen Schreibpause, in der sie mit ihren drei Kindern wahrhaft genug zu tun gehabt hatte, ging es für sie wieder los, als die beiden Kinder ihrer Tochter Nicole fünf beziehungsweise vier Jahre alt waren. Von heute auf morgen hatte sie aufgehört, ihnen weiter die in ihren Augen langweiligen Geschichten aus den Büchern oder vom Tablet vorzulesen. Als sie an einem schönen Sonntagnachmittag wieder einmal mit ihren Enkeln Kai und Jens auf der Krukenburg war, hatte sie angefangen, ihnen von Lars zu erzählen, dem glücklichen Schafhirten vom Waltersberg. Schon bald bekam Lars Gesellschaft – von Elisabeth und Hans: Elisabeth, die immer an der Diemel ihre Wäsche wusch, während Hans, ihr Mann, den ganzen Tag im Reinhardswald Holz sammelte, um es abends an die Nachbarn in der Steinstraße zu verkaufen.

Mittlerweile hatte Carola bestimmt sieben Geschichten im Kopf, aufgeschrieben hatte sie bisher nur die eine. Der Workshop sollte für Carola die Möglichkeit sein, die bisher nur in ihrem Kopf befindlichen Geschichten auf Papier zu bringen und sie für ihre Familie zu erhalten. Es war doch viel schöner, die eigenen Geschichten zu vererben als Geld und Möbel. Aber ihre Lieblingsgeschichte war die vom kleinen Robert.

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Freitagabend, beim zweiten Glas Rotwein …

»Das ist die Geschichte von Robert, dem Sohn des Schneidermeisters Löhnhardt. Er war das Älteste von sechs Kindern und er musste sich nicht nur bereits früh um seine Geschwister kümmern, sondern auch schon in jungen Jahren dem Vater im Geschäft zur Hand zu gehen. Robert hatte jedoch gar kein Interesse an der Schneiderei, viel lieber stand er mit seiner selbst gebastelten Angel beim Todt im flachen Wasser der Diemel und fischte. Er hatte großes Geschick beim Angeln und bescherte damit der Familie an vielen Abenden eine schmackhafte Fischmahlzeit. Wann es nur ging, stand Robert mit nackten Füßen in der kalten Diemel. Da seine Mutter auch den ganzen Tag dem Vater zur Hand gehen musste, um die Großfamilie über Wasser zu halten, mussten die Kinder ohne Roberts Aufsicht alleine zu Hause bleiben – was sie natürlich nicht immer taten. Sie nutzen seine Abwesenheit, um im Dorf so manchen Schabernack zu treiben. Vor allem der zehnjährige Peter suchte mit seinen Geschwistern Karl und Maria oft das Weite. Kam das heraus oder wurden die drei sogar bei irgendwelchen Streichen erwischt, wurde auch Robert hart bestraft – schließlich war er für die Geschwister verantwortlich. Da half es auch nichts, wenn Robert an jenen Tagen so viel Fisch gefangen hatte, dass die ganze Familie sich richtig sattessen konnte.

Thorben Werner war Weserfischer und kam aus Gottstreu. Zu Roberts großem Glück kam er eines Tages auf einer Wanderung durch Helmarshausen. Er sah den Jungen knietief in der kalten Diemel stehen– vor allem sah er aber den Korb, in dem sich bereits fünf große Fische befanden. Thorben stellte sich vor und begann sogleich, mit ihm über das Fischen zu fachsimpeln. Robert fasste Vertrauen zu dem kleinen, aber sehr drahtigen Mann mit seiner langen Mähne und dem rötlichen Vollbart, sodass er ihn fragte, ob er nicht bei ihm in die Lehre gehen dürfte. Das Schneidern im dunklen Kämmerlein, so Robert, habe ihm noch nie Spaß gemacht. Er brauchte den Fluss und die frische Luft. Thorben Werner versprach, beim nächsten Besuch in Helmarshausen einmal mit Roberts Eltern zu sprechen.

Wie die Geschichte letztlich ausgehen soll, das weiß ich aber noch nicht: Soll Robert dem Elternhaus den Rücken kehren und seine Familie im Stich lassen? Oder soll er als braver Sohn endlich bei seinem Vater in die Lehre gehen? Wir werden sehen.«

Einen Moment war Totenstille, dann gab es einen lauten Applaus für Carolas Geschichte. Sie hatte sich, nachdem so viele ihrer neuen Schreiberfreundinnen und -freunde ihr Geschichten vorgelesen hatten, dazu überreden lassen – wenn schon nicht vorzulesen, dann wenigstens die Story zu erzählen. Das fiel ihr im Gegensatz zum Vorlesen auch recht leicht, da sie sich ihre Aufzeichnungen zuvor noch einmal gut durchgelesen hatte – und das zahlte sich nun aus.

»Das wird ja noch eine richtig spannende Kindergeschichte werden – ich freue mich schon darauf, morgen mit dir am Exposé für die Geschichte zu arbeiten.«

Carola wurde der Kopf ganz heiß, diese Ansprache des Seminarleiters Thomas König sowie die aufmunternden Blicke der anderen Teilnehmer hatten sie ganz verlegen gemacht. Ein »Danke« sowie ein verlegenes Grinsen waren das Äußerste, was sie in diesem Moment zeigen konnte.

*

Sonntagnachmittag, viertel vor fünf …

»So.« Thomas König nahm den Ball vom Tisch und warf ihn in Richtung Carola. »Wie hat dir das Seminar gefallen?«

»Es hat mir alles sehr gut gefallen, vor allem, dass wir die theoretischen Dinge wie Exposé und Selfpublishing mit der Praxis des Literaturfestivals verbinden konnten. Sehr gut gefallen und motiviert hat mich das Abendessen mit dem Autor Manfred Casper. Ich habe nun richtig Lust, den Tatort heute Abend sausen zu lassen und mich gleich wieder an meine Geschichte zu setzen. Vor allem freue ich mich darauf, euch fast alle in vier Wochen wiederzusehen, wenn wir uns in Beverungen das erste Mal in unserer Autorengruppe treffen.«

»Dank dir, Carola.«

– E N D E –

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