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Von Schwimmern und Nichtschwimmern

zurück: Bad Karlshafen und Helmarshausen im Jahr 2019


»Wann kommt er denn endlich?« Ungeduldig zog Achim die neue Outdoorjacke zurecht.

Er sah seinen Kumpel Peter an, der nur mit seinen Schultern zuckte und keine Antwort gab. Den Capri-Sonne-Retro-Regenschirm hatte er bereits vor fünf Minuten aufgespannt.

»Vermutlich denkt der gnädige Herr, dass es um 17.00 Uhr noch zu früh ist, um ins ›Café Größenwahn‹ zu gehen«, Achim war wieder einmal etwas sauer auf ihren unzuverlässigen Kumpel. Er gab Peter ein Handzeichen. »Lass uns reingehen, vielleicht sitzt er ja schon drinnen.«

»Das würde allerdings zu ihm passen. Also, rein in die Lasterhöhle mit Weserblick, es fängt ja auch gerade an, stärker zu nieseln.«

Peter hielt die Tür auf und sie gingen in den Verkaufsraum. »Ich war ganz schön lange nicht mehr hier!«

Achim hörte ihm schon längst nicht mehr zu, er war abgelenkt. Gabi saß hinter dem Tresen, ein kleines Schild neben der Kasse verriet es ihm. ›Gabi‹ hatte blonde, lange Haare, war dezent geschminkt und mit einem kecken Augenpaar ausgerüstet, das wohl schon so manches Männerherz zum Schmelzen gebracht hatte. Achim merkte gar nicht, dass er die junge Frau anstarrte. Erst als sie dem Blick standhielt und ihn sogar noch ansprach, erwachte er aus seinem Tagtraum: »Ein leckeres Stück Pflaumenkuchen gefällig – oder was anderes aus der Auslage, möglicherweise eine Dose Eistee?« Er schaute sie mit großen Augen an und war etwas verdattert, auf diese Weise angesprochen zu werden. »Nein danke, das nächste Mal vielleicht.« Er konnte sich einfach nicht daran erinnern, woher er die Frau kannte.

»Freu mich drauf.«

Warum nur grinste Peter so unverschämt? Vermutlich lachte er innerlich über seinen Kumpel. Achim wusste selbst, dass er es immer wieder schaffte, sich so herrlich in Verlegenheit zu bringen. »Zum Glück war Christian nicht dabei, der hätte fraglos unter keinen Umständen sein Lästermaul halten können«, ging es ihm durch den Kopf.

»Da isser ja!« Dieser Satz Peters riss ihn nochmals aus seinen Gedanken.

»Und wir stehen uns draußen die Beine in den Bauch und warten im strömenden Regen, während der Herr hier schön die ›Süddeutsche Zeitung‹ liest.«

Achim sah, dass der Angesprochene ganz lässig über den Rand sowohl der Zeitung als auch seiner Brille blickte, offensichtlich hatte er die beiden bisher noch gar nicht bemerkt.

»Da seid ihr ja endlich! Dann passt mal gut auf, dass ihr keine fiesen Flecken auf den schönen Teppich tropft!«

Achim schwieg, dachte aber bei sich, dass das ein weiteres Mal mal wieder typisch Christian war: Vermutlich hatte er wieder einmal die genaue Verabredung vergessen und war einfach auf Verdacht bereits früher hergekommen. Nun saß er bei einem Kännchen Tee und las so konzentriert in der ›Süddeutschen‹, dass er die Freunde noch nicht einmal kommen sah. 

Während Achim sich zu seinem treulosen Kumpel in einen der fünf bequemen Lesesessel setzte, ging Peter gleich zum Bücherregal an der Wand, fraglos um neue Lektüre für das kommende Wochenende auszusuchen. Achim hätte gerne gewusst, wo der Besitzer des ›Größenwahns‹ diese sechs riesigen Regale aufgetan hatte – und vor allem, wie er es innerhalb von zwei Monaten geschafft hatte, sie komplett mit Büchern zu füllen. Zumal Bad Karlshafen nicht für seine literarische Leidenschaft bekannt war; seit Jahren gab es keine ordentliche Stadtbibliothek mehr.

»Willst du nicht irgendwann auch mal etwas zurückstellen? Ich sehe dich immer nur Bücher herausnehmen.«

Peter sah Achim an. »Keine Sorge, Kleiner. Ich habe bestimmt schon mehr Bücher hierhergebracht, als ich jemals mitnehmen kann.«

Achim war noch stets begeistert über das Prinzip, wie diese ›ehrenamtliche Leihbibliothek‹ funktionierte. Dieter, der Besitzer des Cafés, hatte kurz nach der Eröffnung dazu aufgerufen, dass jeder seiner Gäste ein Buch mitbringen sollte. So ging das die ersten zwei, drei Monate. Zusammen mit drei, vier Wohnungsauflösungen sowie großzügigen Spenden des Antiquariats und einiger Bürger der Stadt kamen auf diese Weise schnell rund tausend Bücher in die Bibliothek. Die Bände waren auch kein festes Eigentum des ›Größenwahns‹, sondern jeder, der ein Buch mitnahm, musste es entweder zurückbringen oder ein neues einstellen. Wider Erwarten schien das System zu funktionieren. Es geschah sogar etwas vollkommen Unerwartetes: Die Zahl der Bücher nahm so rasend schnell zu, dass Dieter bald nicht mehr wusste, wo er sie lagern sollte. Auf dem großen Perserteppich, der den Lesebereich vom Rest des Cafés abtrennte, standen daher noch weitere Bücherständer, in die die Bücher einfach reingelegt waren. Wie bei derartigen Bücherspenden üblich, sammelten sich vor allem die Autoren an, die nun keiner mehr haben mochte, ganz vorne stand beispielsweise oft das literarische Lebenswerk von Johannes Mario Simmel.

Ein Mann in Anzug und Krawatte erschien: Klaus, die Tagesbedienung des Cafés. »Was darf ich den Herren bringen?«

Christian faltete die Zeitung zusammen und legte sie auf den kleinen Beistelltisch. »Dafür, dass ich euch wortwörtlich im Regen habe stehen lasse, geht die erste Runde auf mich.«

»Gepriesen seist du, du edler Spender.« Peter konnte es nicht lassen, dieses Angebot zu kommentieren. »Ich nehme einen Kaffee.«

»Heute bestelle ich mal etwas Ausgefalleneres – einen Cappuccino bitte!«

»Kommt sofort. Christian, du hast noch?«

»Danke, bin bedient.« Achim sah sein Grinsen. Das war seine Art, auf die Witze anderer zu reagieren.

Er sah dann, wie Peter ›Moby Dick‹ von Herman Melville aus dem Regal nahm und sich neben ihn in einen der freien Sessel fläzte.

Achim konnte es kaum fassen: »Ihr wollt doch jetzt nicht allen Ernstes anfangen, zu schmökern?«

»Lass mir zehn Minuten Zeit, ich will hier gerne mal reinlesen. Ich wollte ›Moby Dick‹ schon immer einmal lesen, ich habe mich bisher aber noch nie getraut.« Er legte das Buch für einen Moment auf den kleinen Beistelltisch, den er sich mit Christian teilte. »Frag doch mal Chris, der müsste doch bereits mit der Zeitung durch sein?«

Achim schaute zu Christian, der sich wieder die Zeitung genommen hatte und weiter konzentriert in ihr las. Er schüttelte ebenfalls den Kopf: »Aber in zehn Minuten bin ich auch so weit.«

Achim überlegte einen Moment, ob er sich ebenfalls etwas zu lesen nehmen sollte, um so die Zeit zu überbrücken. Es gab ja schon eine tolle Auswahl an nationaler Presse: ›HNA‹, ›Süddeutsche Zeitung‹, ›FAZ‹, ›taz‹ und ›Tagesspiegel‹ sowie ›DIE ZEIT‹. Darüber hinaus einige Illustrierte und Zeitschriften: ›Lettre International‹, ›National Geographic‹, ›Spiegel‹ und die neueste Ausgabe des ›Bücherjournals‹ – alles Spenden der wohlbetuchten Stammgäste. Er hatte jedoch gerade keine Lust auf Lesen. Er wollte lieber quatschen oder höchstens eine Runde Billard im Keller spielen. Leider kannte er seine beiden Kumpels inzwischen gut genug, um zu wissen, dass es nicht bei den zehn Minuten bleiben würde.

»Gut, dann gehe ich zu Dieter.«

»Grüße.« Peter schaute nicht einmal von seinem Wal auf, als er Achim auf diese Weise verabschiedete. Christian schwieg sogar gänzlich. Achim blieb in seinem Sessel sitzen und schaute zu Dieter hinüber. Der Chef und Besitzer des ›Größenwahns‹ saß an seinem Stammplatz direkt am Fenster und tippte auf einem Tablet herum. Er trug ebenfalls einen Anzug, jedoch wie üblich um diese Tageszeit noch keine Krawatte. Dieter mochte circa fünfundfünfzig Jahre alt sein; dass das schulterlange Haar bereits grau war, machte ihm anscheinend wenig aus. Er verband Äußerlichkeiten gerne mit einer eigenen Note, wie die bequemen Turnschuhe zeigten, die er trug. Die italienischen Designerschuhe, die er zu offiziellen Anlässen zu tragen pflegte, schenkte er sich im ›Nichtschwimmerbecken‹. Später, am Abend und im ›Schwimmerbecken‹, würde er die eleganten, schwarzen Schuhe anziehen, ebenso wie er seine typischerweise weinrote Krawatte umbinden würde.

Achim fasste sich in den Nacken; er dachte nach: Warum gab es noch mal ein ›Schwimmerbecken‹ und ein ›Nichtschwimmerbecken‹? Genau, beantwortete er sich die Frage im Geiste gleich selbst, das eine waren die ›ordinären‹ Tagesgäste, das andere die ›besonderen‹ Abendgäste. Dieter hatte ihnen das damals erklärt, am Eröffnungsabend im Dezember 2018. Diese Aufteilung der Gäste bestand demnach bereits im originalen ›Café Größenwahn‹ im Berlin des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts. Der Unterschied war jedoch, dass diese Unterteilung dort zeitlich unabhängig grundsätzlich zwischen der ›Prominenz‹ und dem ›Fußvolk‹ unter den Gästen erfolgte. 

»Facebook?« Achim setzte sich ungefragt zu Dieter, dem das jedoch nicht im Entferntesten etwas auszumachen schien.

»Achim, altes Haus! Auch mal wieder hier?«

Achim war überrascht und entgegnete ihm mit gespielter Empörung: »Ich bin doch quasi Stammgast in deiner Pinte.«

»Entschuldige, das war nicht so gemeint. Ich ärgere mich gerade wieder einmal über einen der sogenannten treuen Bürger dieser Stadt. Der tut nur rummotzen und gönnt Ortsfremden wie mir nicht einmal die Butter auf dem Brot.«

»Mensch, Dieter – jetzt lebst du schon ein Jahr in Karlshafen und hast immer noch nicht akzeptiert, dass die Leute so sind, wie sie sind.«

»Das werde ich auch sicher nie verstehen.«

Achim hatte plötzlich eine Idee; bestimmt konnte sein Gegenüber ihm weiterhelfen. »Sag mal, Dieter, wenn du mit dem Stinkstiefel klar bist, kannst du mir vielleicht einmal eine Frage beantworten?«

»Fertig. Habe ihn gemeldet. Was willst du wissen? Den Namen meiner neuen Thekenfee?«

Prompt merkte Achim, dass er begann, rot zu werden – jeden Moment würde er wie ein Dampfkochtopf zu pfeifen anfangen. Er schluckte und holte tief Luft, bevor er antwortete. Dennoch brachte er nur ein Stammeln hervor. »Woher weißt du …?«

Weiter kam er nicht, da hatte Dieter schon mit einem breiten Grinsen das Gespräch übernommen. Er war ein Dampfplauderer und Achim wusste, dass er in den nächsten fünf bis zehn Minuten vermutlich die komplette Lebens- und Liebesgeschichte der Frau einschließlich ihrer Schuhgröße und Lieblingsfernsehserie erfahren würde.

Dieter begann: »Also, die Gabi … das ist eine ganz Liebe …«

*

Peter hatte sein Buch zugeschlagen, es jedoch noch nicht aus der Hand gelegt. Er schaute zuerst zu Christian, anschließend hinüber zu Achim, der immer noch mit Dieter ins Gespräch vertieft war.

»Chris, was meinst du, wollen wir uns an die Bar setzen? Du könntest mir bei einem Bier gemütlich von deinem Paris-Trip erzählen.«

Peter hatte eine andere Reaktion erwartet, aber Christian wollte wohl nicht reden: »Keine Lust, vielleicht später.«

»Dann halt nicht.« Er knallte das Buch auf den gemeinschaftlichen Tisch und ging an die Bar. Jetzt hatte er schlechte Laune, denn er hatte sich doch auf einen gemeinsamen Nachmittag mit seinen Freunden gefreut. »Dann geh ich eben allein an die Bar.«

Von Christian kam als Antwort nur ein »Hmmh, mach mal.« Vermutlich hätte er ihm auch sagen können, er wolle sogleich mit dem Föhn in die Badewanne steigen, Christian hätte es nicht mitbekommen. Peter schaute auf die Uhr, schon halb sechs. Gut, dann kann ich mir ja den ersten Drink bestellen, schließlich muss ich heute nicht fahren. Mit diesen Gedanken lief er hinüber zur Bar.

Er ging über den weinroten Teppich, farblich und in seiner Ausführung so ausgewählt, dass er einiges Leid zu ertragen bereit war. Quasi jedes Mal, wenn Peter hier war, sah er irgendeine Flüssigkeit auf ihn tropfen und in ihm versickern. Sein Blick fiel auf die Bar, hinter der jetzt die Frau aus dem Verkaufsraum stand – Gabi, oder? Der Verkaufsschalter für Pflaumenkuchen und Krapfen wurde in der Woche bereits um 17.15 Uhr geschlossen. Danach gab es nur noch die legendäre Gulaschsuppe, eine Idee, die Dieter aus dem ›Café des Westens‹ – so der eigentliche Name des ›Größenwahns‹ – in Berlin kopiert hatte. Und dank Dieters spezieller Würzmischung hatte diese Gulaschsuppe auch eine gewisse Berühmtheit in der Region erlangt.

»Was darf´s sein, Fremder?«

So angesprochen war er nun doch nicht mehr ganz so sicher, ob der Gang an die Bar ein guter Einfall gewesen war.

»Peter – und ich überlege noch.«

»Gabi. Kein Problem, ich bin ja hier.« Dabei schaute sie ihm tief in die Augen, um gleichzeitig den Träger ihres BHs zurechtzuziehen. Peter überlegte kurz: Hatte die Frau ihm gerade zugezwinkert?

»Ach, heute ist alles egal – einen ›Rattenfänger‹ bitte.«

»Gute Wahl.« Sie drehte sich um, nicht jedoch, ohne einen eleganten Hüftschwung auszuführen. Ihm fiel ein, dass er gar nicht wusste, was in diesem Gesöff eigentlich drin war. Er wusste nur zweierlei: Erstens sollte er danach kein Auto mehr fahren müssen, zweitens hatte Dieter das Rezept aus Hameln mitgebracht. Insgesamt war Dieter sehr kreativ, was die Namen für seine Cocktails und Longdrinks anging: Es gab ›Sex an Deichmanns Grotte‹ und ›Sabatje‹. Das Einzige, was Dieter ansonsten über seine Drinks verriet, war, dass sie vermutlich nicht blind machen würden – keine wirkliche Hilfe. Der Cocktail ›Sabatje‹ enthielt Gerüchten zufolge Absinth. Weitere Klatschgeschichten besagten, dass Heike, Gabis Vorgängerin, darüber geplaudert hatte und deshalb entlassen worden sei.

Erst jetzt nahm er auf einem der sechs Barhocker Platz. Er konnte es immer noch nicht fassen, dass alles an dieser Bar tipptopp war – sogar jeder der Barhocker war ein Unikat. Immerhin waren sie allesamt gleich hoch, sodass die Ungleichheit nicht sofort ins Auge fiel. Sie hatten jedoch alle unterschiedliche Bezüge; die einen hatten Stoffbezüge, die anderen waren mit Leder bezogen. Fünf von ihnen hatten ein Holz-, nur einer hatte ein Metallgestell. Die Bar war aus Holz und rot – na gut, ein tiefes Bordeauxrot. Sie hatte eine auffällige Täfelung und – wie viele ihrer Kollegen – im Fußbereich eine hochglänzende Messingschiene, in der sich manchmal in den Nachmittagsstunden auf bestimmten Plätzen die Sonne spiegelte.

»Hier, der ›Rattenfänger‹. Haste schon ´nen Deckel?«

»Nein.«

»Sag mal, fremder Peter, kennst du eigentlich den Typ, der dahinten bei Dieter sitzt? Ihr seid doch zusammen reingekommen.«

Peter war etwas überrascht, von Gabi so direkt auf seinen Freund angesprochen zu werden. Er überlegte, wie er reagieren sollte. Da ein bisschen Ablenkung nicht schaden konnte, entschloss er sich, das Spiel mitzuspielen.

»Du meinst Achim? Fleischereifachverkäufer und ein alter Kumpel, wir kennen uns schon seit der Schulzeit. Warum fragst du?« Interessiert sah er ihr direkt in die Augen, innerlich musste er sich jedoch zusammenreißen, um nicht loszuprusten.

»Nur so.«

»Nur so gibt´s nicht«, er schaute ihr noch immer tief in die Augen. »Vor allem bei Frauen wie dir.«

Peter merkte am Zucken ihrer Augenbrauen, dass sie ihn zuerst vermutlich unterschätzt hatte und nun sicher etwas vorsichtiger sein würde. Sie unterbrach den unverblümten Blickkontakt. Er war gespannt, wo das nun hinführen würde.

Sie atmete tief durch und schob die Brust merklich nach vorne. »Du hast mich durchschaut. Ich habe den Verdacht, dass er und ich uns kennen. Ich komme aber nicht drauf, zu welchem Anlass das gewesen sein könnte.« Sie schob sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Der Typ ist doch nicht wirklich ein Fleischereifachverkäufer?«

Peter lachte, sie sollte wissen, dass das nicht stimmte. Er wusste jedoch sofort, was er als Nächstes zu tun hatte. »Soll ich euch mal miteinander bekannt machen?«

Noch bevor sie antworten konnte, rief er zu seinem Freund hinüber: »Achim!« 

Achim schaute auf und Peter sah, wie er bereits aufstehen wollte, als Gabi Peter zuflüsterte: »Bitte nicht.«

»Okay, dafür habe ich was bei dir gut.«

»Erpresser!«

»Immer gerne. «Peter rief abermals zu Achim hinüber: »Hat sich erledigt, die junge Dame hier konnte mir bereits mit der Uhrzeit weiterhelfen.«

Gabi hatte sich schon wieder etwas von dieser Überrumpelung erholt, sie fragte Peter: »Und warum zeigt er dir jetzt einen Vogel?«

»Das macht er öfters. Und nun zu uns beiden Hübschen: Wann hast du heute Schluss?«

*

Christian hielt es nicht mehr aus. Er las nun zum dritten Mal den Artikel über den neuen Bond – zum ersten Mal in der Geschichte gab es einen weiblichen Bond: Emily Blunt. ›Jamie Bond‹ – darüber musste er doch schon sehr grinsen. Warum nicht, sogar ›M‹ war ja zwischenzeitlich mal weiblich! Aber trotz der attraktiven Doppel-Nullagentin konnte er sich nicht mehr konzentrieren. Er musste endlich mal was Körperliches machen.

Er sah zu seinen Freunden: Achim schwatzte immer noch mit Dieter – was die wohl die ganze Zeit zu besprechen hatten? Auch Peter war fortwährend mit der Frau an der Bar ins Gespräch vertieft.

Besser zu Achim, dachte er bei sich. Er machte das Licht der Stehlampe aus, indem er am entsprechenden Bändel zog, stand auf und legte die Zeitung zurück. Langsam ging er in Richtung Rückfront, hinter deren Glasfassade sich das alte Freibad zeigte.

Christian nahm einen Stuhl vom Nachbartisch und setzte sich ungefragt zu Achim und Dieter. Er schaute vom Einen zum Anderen und fragte: »Wann wird endlich dieses schäbige Schwimmbad eingeebnet?«

Dieter und Achim schauten sich an; erst in diesem Moment bemerkte Christian an ihren Blicken, dass er vielleicht stören könnte. Aber nun war es zu spät.

»Wie bereits die letzten Jahre immer mal wieder soll es aktuell einen Investor geben, der das Gelände kaufen möchte«, antwortete ihm Dieter. »Und was gab es nicht schon alles für Ideen: Spielhalle, Freilichtkino oder sogar eine Diskothek. Bislang hat sich jedoch jeder Hoffnungsschimmer sogleich in Luft aufgelöst.«

Christian sprach Achim direkt an: »Hast du Lust, eine Partie Billard zu spielen?« Und zu Dieter: »Der Billardkeller ist offen, oder?«

»Nein, das nicht, ich kann dir gerne den Schlüssel geben. Aber: Wiedersehen macht Freude.«

»Klar, kein Problem«, er wandte sich nochmals an Achim: »Und, wie sieht´s aus?«

»Na, gut, du lässt ja eh keine Ruhe. Dieter muss gleich das ›Schwimmerbecken‹ aufschließen und unser Casanova ist ja noch auf Beutezug.«

*

Peter sah Dieter an den Tresen kommen, im Vorbeigehen schlug Dieter ihm auf die Schulter: »Peter, altes Haus, gefällt dir Gabi, meine neue, schnuckelige Thekenfee?«

Peter wusste ja, dass Dieter immer sehr direkt war, darum war er – selbst recht schlagfertig – auch nicht um eine Antwort verlegen. »Wir haben gerade überlegt, wie wir dich zu einer sexuellen Anzüglichkeit gegenüber deinem weiblichen Personal reizen können, um dich so auszubooten und den Laden übernehmen zu können.«

Peter war nun auf die Reaktion gespannt. Peter sah, dass Dieter zuerst auf Gabi schaute, dann auf Peter. »Soso, dann verrate ich dir mal ein Geheimnis: Meine Bedienungen sind während der Arbeit dazu verpflichtet, einen Keuschheitsgürtel zu tragen.«

»Einen Tee, Chef? Wir haben, glaube ich, noch ein paar von den leckeren Teebeuteln mit Bittermandelgeschmack.«

»Netter Versuch. Später vielleicht, ich muss jetzt erst das ›Schwimmerbecken‹ aufschließen.«

»Nimmst du mich mit, ich würde gerne einmal den historischen Spieltisch sehen, der dort oben stehen soll?«, fragte Peter. Der schmollende Blick von Gabi entging ihm nicht.

»Gut, dann werde ich mir für nächste Nacht einen anderen suchen!«

»Ich bin ja gleich wieder zurück.«

»Ich kann mich ja inzwischen mal an Achim ranmachen?!«

»Untersteh dich, hier mit den Gästen anzubandeln!« Dieter klang todernst, dann sah Peter ein Grinsen auf seinem Gesicht.

Er stand auf, musste aber noch einen Moment warten, da Dieter erst in aller Ruhe seinen riesigen Schlüsselbund hinter der Theke hervorholte.

Vor der zweiflügligen Glastür blieben sie stehen. Dieter hatte sie einbauen lassen, um den Tagesbetrieb besser vom Abend- und Nachtgeschäft trennen zu können. Beide Flügel ließen sich weit aufdrehen und verschwanden einfach, indem sie gegen die Wand rechter Hand geschoben wurden. Die Glasbausteine auf der rechten Seite der Treppe warfen tagsüber immer ein interessantes Licht in das Treppenhaus. Nun, als es bereits dunkel war, war der Effekt nicht mehr ganz so schön.

Sie gingen die Stufen hoch. Oben angekommen lag vor ihnen die kleine Küche. Ein besonderer Gag war, so hatte Dieter ihnen einmal erzählt, dass ein winziger Lastenaufzug die beiden Küchen miteinander verband. Peter hatte sich früher stets gefragt, was dieser Vorsprung hinter der Bar für eine Bedeutung hatte. Er hatte zunächst gedacht, es handele sich um einen Schornstein – auf einen Lastenaufzug wäre er nie gekommen.

»Hier in der kleinen Küche bereiten wir in der Hauptsache das Fingerfood für unsere Bargäste vor. Auch wenn es nicht so aussieht, die Gulaschsuppe kommt immer von unten.«

Im Gegensatz zum Erdgeschoss war der Teppichboden hier dunkelblau. Noch im Korridor zwischen Treppenhaus und Küche, bevor sie den eigentlichen Raum des Cafés erreicht hatten, konnte Peter die kleine Bühne und vor allem den riesigen Flügel erkennen.

»Wie habt ihr bloß den riesigen Konzertflügel hier hinein bekommen?«

Dieter drehte sich um, grinste, doch blieb er Peter die Antwort schuldig.

Peter rümpfte die Nase, alles im Raum roch ziemlich intensiv nach kaltem Rauch. »Wir sollten gleich mal die Fenster aufmachen.«

»Gute Idee, bloß wird das nicht viel nutzen. In zwei Stunden riecht es hier wieder wie damals samstagabends in der Disco.«

Peter ging zum Flügel. »Wird der Flügel oft benutzt?«

»So dann und wann. Kannst du spielen?«

»Nein, nach meinem ersten Blockflötenkonzert an Weihnachten 1975 war Schluss mit meiner Musikerlaufbahn.«

»Schade – ich suche nach wie vor einen Pianisten, der uns ab und zu mal was spielt.«

Sie hörten Schritte hinter sich auf der Treppe. Alex, Barmann im ›Schwimmerbecken‹, erschien zum Dienst.

Dieter hob lässig die Hand – hätte er nicht den auf ihn zukommenden Alex begrüßt, würde es ganz so gewirkt haben, als wollte er bei Gabi ein Bier ordern. »Hi, Alex.« Er warf einen Blick auf Peter. »Ihr kennt euch noch nicht: Peter, ein neugieriger Gast, Alex, seit zwei Wochen Barmann hier und im ›Größenwahn‹ bereits weltbekannt als ›Night-Clinton‹.«

»Angenehm«, antwortete Peter, als er Alex die Hand gab, »aber was ist ein ›Night-Clinton‹?«

»Hast du heute noch was vor?«

Peter dachte sofort an Gabi, nachdem ihm Dieter diese Frage gestellt hatte. »Ich weiß nicht, warum?« 

»Wenn du bis nach Mitternacht aushältst …«

»… und der Mond die passende Position hat …«, warf Alex lachend dazwischen.

»… und er in der entsprechenden Stimmung ist, dann holt er sein Saxophon raus und spielt auf. Deshalb auch der Spitzname.«

»Bill Clinton und das Saxophon, richtig? Wow, das würde ich gerne erleben. Du spielst aber nicht jeden Abend?«

»Nein, nur an den Wochenenden.«

»Schade. Heute werde ich es nicht schaffen, die drei ›Rattenfänger‹ haben mich ganz schön geschafft und morgen sind wir auf eine Fete eingeladen.« Dass er vielleicht noch mit Gabi auf die Piste gehen wollte, verschwieg er ihrem Chef besser.

»Ich bin da, komm einfach vorbei, wenn´s dir passt.«

»Versprochen. Aber jetzt muss ich mal sehen, was meine Kumpels machen.«

»Die spielen Billard im Keller.«

Peter wollte gerade gehen, da rief ihm Dieter noch etwas hinterher: »Gabi wird nach Ende der Schicht immer von ihrer Schwester abgeholt, die beiden fahren danach häufig ins ›Marley´s‹ nach Beverungen.«

»Zu meinem Namensvetter. Vielen Dank für den Tipp!«

»Glück auf!«

Peter war schon wieder halb die Treppe hinuntergegangen, da fiel ihm der eigentliche Grund für den Besuch im ersten Stock wieder ein und er kehrte um. Dieter schloss gerade sein Büro auf. »Du, Dieter, ich hätte vor lauter Testosteron doch fast den Spieltisch vergessen.«

»Dann komm mal mit.«

Peter folgte Dieter durch das chaotisch unaufgeräumte Büro. Dieser öffnete eine weitere Tür zum ›Mehrzweckraum‹, in dem links in der Ecke der Spieltisch stand: »England, spätes 19. Jahrhundert.« Er schlug die grüne Decke zurück, die über dem Möbelstück lag. Der Tisch war in einem überaus guten Zustand.

»Der ist aber noch supergut in Schuss!« Peter war echt überrascht.

»Den habe ich gründlich aufarbeiten lassen, der hat während des Zweiten Weltkriegs bei der Familie eines Freundes in London gestanden. Die V2 hätte ihn damals fast getroffen.«

Dieter nahm die Platte ab, ein filzbezogenes Backgammonfeld kam zum Vorschein. Er drehte die Tischplatte, ihre Rückseite war ebenfalls mit einem Filzüberzug verkleidet: »Und hier drauf kann man prima pokern.«

»Wow.«

»Wir können gerne mal ´ne Partie Backgammon spielen. Wir stellen den Spieltisch raus ans Fenster und beobachten zwischen den Zügen, wie das Treibholz die Weser heruntertreibt.«

»Das Angebot vergesse ich nicht, verlass dich darauf!«

*

»Wenn du so ein ›Räuberbillard‹ spielst, habe ich einfach keine Chance.«

Achim grinste – so wie er es in solchen Fällen immer tat – schmierig und fies.

Sie hatten mittlerweile schon vier Partien Pool gespielt, nur in der dritten hatte Christian überhaupt eine minimale Aussicht auf Erfolg gehabt, aber letztlich hatte ihm Achim auch dies nicht gegönnt: Er machte zack, zack einfach einen seiner unmöglichen Stöße und die Runde war entschieden. Christian dachte an den Spruch »Pech im Spiel, Glück in der Liebe«, aber selbst da war nach der Trennung von Tanja derzeit nichts zu holen. Gerade in den letzten Tagen musste er wieder viel an seine Verflossene denken. Fünf Tage und drei Stunden war es nun her, dass sie sich in Paris, auf dem Platz vor dem Musée d’Orsay, getrennt hatten. Das war auch der Grund, warum er vorhin nicht mit Peter über Paris sprechen wollte.

Achim schüttelte den Kopf: »Du bist heute kein bisschen bei der Sache. Mal was Anderes: Warst du eigentlich schon mal nebenan in dem Raum? Über den erzählt man sich ja die heißesten Geschichten.«

»Die Champagnergesellschaft?«

»Die Champagnergesellschaft!«

»Weißt du da was Näheres?« Nun war Christian doch neugierig geworden. »Erzähl mal!«

»Viel weiß ich nicht, nur die üblichen Gerüchte von Pokerrunden und üblen Saufgelagen.«

Er wollte gerade weiterfragen, da ging die Tür auf.

»Peter, dich gibt´s auch noch? Willst du mal gegen den nächsten Gewinner – also Achim – spielen?«

»Ne, lass ma. Ich möchte erst wieder nüchtern werden, ich hatte drei ›Rattenfänger‹.«

»Oha!« Christian wusste, dass Peter eigentlich nicht viel vertrug. »Hast du denn noch irgendetwas vor?«

»Ja, wir müssen um elf ins ›Marley´s‹ fahren?«

»Wieso ins ›Marley´s‹?« Inzwischen war auch Achims Neugier geweckt.

»Erzähl ich euch später.«

»Wie heißt sie? – Doch nicht etwa Dieters Thekenfee? Du kannst es einfach nicht lassen!«

»Wir werden sehen, Christian.«

*

Achim war froh: Christian hatte ›Fahrdienst‹. Kurz nach elf kamen sie im ›Marley`s‹ an, er und Peter setzten sich gleich zu Gabi und ihrer Schwester. Er sah ab und zu mal hinüber zu Christian. Dieser schwatzte mit dem Inhaber und so vertrieb er sich die Zeit bis gegen eins. Dann kam er an ihren Tisch und drängte zum Aufbruch, er erzählte was von »Samstagmorgen früh aufstehen«, einem Besuch bei IKEA und einem Einkaufsbummel durch Kassel.

Peter guckte ihn verständnislos an: »Nee, wir halten noch die Stellung, die Mädels bringen uns nachher heim.«

»Na, denn. Bis neulich.« Christian ging, er schaute nicht noch einmal zu den Freunden hinüber. »Mist, der ist sauer«, dachte Achim noch.

Sie unterhielten sich gut, doch befürchtete er, dass Peter bei Gabi inzwischen die besseren Chancen hatte, obwohl er es doch war, der sie länger kannte – vom Volkswandertag im letzten Jahr. Sie hatten lange gerätselt, waren dann aber doch darauf gekommen, wo sich Achim und Gabi das erste Mal gesehen hatten.

– Ende –


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