Jüdische Geschichte in Karlshafen und Helmarshausen – Teil 1: Leben

Man muss heute schon ziemlich genau hinschauen, wenn man die Spuren jüdischen Lebens in Bad Karlshafen und Helmarshausen erkennen will. In drei Beiträgen möchte „Trefffpunkt Hafenmauer“ an die jüdische Kultur in den Ortsteilen erinnern. Während sich Teil 1 mit Leben und Alltag der jüdischen Mitbürger befasst, geht es in Teil 2 und 3 um das Gedenken an die Menschen, die als Opfer des Nationalsozialismus ermordet wurden, Selbstmord begangen haben oder geflüchtet sind.

Es gab vor Nationalsozialismus und Shoah auch in Helmarshausen und Karlshafen ein aktives jüdisches Gemeindeleben mit Gottesdiensten sowie Bestattungen auf dem eigenen jüdischen Totenhof. Mit einem Vorschlag für eine circa zweistündige Wandervorschlag soll das Gemeindeleben unserer jüdischen Mitbürger anhand einiger Stätten nachgezeichnet werden.

Versetzen Sie sich heute also einmal in die Lebenssituation eines jüdischen Gläubigen, der sich aus Karlshafen kommend am Sabbat oder einem hohen jüdischen Feiertag auf dem Weg in die Synagoge nach Helmarshausen begibt. Folgen Sie im ersten Teil einfach den Spuren der jüdischen Gemeinde Helmarshausen / Karlshafen.


Wanderung: Hafenplatz – Diemelbrücke – Krukenberg – Jüdischer Totenhof – Ehemalige Synagoge – Jüdischer Friedhof – Sonnenweg – Hafenplatz

Sie begeben sich zunächst von unserem Startpunkt am Hafenplatz wieder an der evangelischen Kirche vorbei gerade aus die Treppen hinauf zum Anfang der ‚Schützenallee‘. Vorbei am Denkmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege und einem Wohnhaus geht es sofort wieder nach rechts („Am Reservoir“). Unten angelangt, biegen Sie links in die Straße „Unter dem Königsberg“ ein. Sie folgen der Straße, an der Marie-Durand-Schule und der Turnhalle vorbei, bis die Bebauung aufhört und Sie einen großen Garten passieren. Schauen Sie hier schräg nach rechts vorne, so sehen Sie bereits die Fußgängerbrücke über die Diemel. Sie gehen noch ein paar Meter und wenden sich nach rechts, um zur Brücke zu gelangen. Hinter der Brücke geht es geradeaus hoch, oben gehen Sie nach links, dann folgt auf der rechten Seite sogleich eine Fußgängerunterführung. Sie gehen durch den Tunnel hindurch und steigen links die Treppe nach oben. Sie folgen der Richtung und laufen ca. 200 Meter an der Hauptstraße, bis es nach rechts in den „Graseweg“ geht. Nun folgen Sie einfach immer dem Straßenverlauf, bis leicht links vor Ihnen die Krukenburg auftaucht.

 

Gedenkstein für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus

Haben Sie die Burgruine fast erreicht, so sehen Sie linkerhand den am 23. Januar 2015 aufgestellten Gedenkstein für die jüdischen Mitbürger beider Ortsteile, die Opfer des nationalsozialistischen Terrors wurden. Jeweils auf der Seite, die dem entsprechenden Ortsteil zugewandt ist, befinden sich die Namen der ehemaligen Einwohnern, die durch die Nationalsozialisten ermordet wurden oder vor ihrer Deportation in den Freitod gingen.

Der Standort des Gedenkstein wurde gewählt, um an den Weg der jüdischen Mitbürger aus Karlshafen zu erinnern, den diese nahmen, um die Synagoge in Helmarshausen zu besuchen.

Geht man ein Stück geradeaus weiter, so führt am Café vorbei links ein steiler Fußweg an den beiden Sängerplätzen vorbei hinunter nach Helmarshausen. Kurz, bevor man auf die Hauptstraße gelang, befindet sich links am Wegesrand eine Parkbank.

 

Der alte jüdische Totenhof

P1030498Hier sollte man sich einen Moment niederlassen und sich einmal kurz vor Augen führen, dass sich im Gartenland hinter einem der erste jüdische Totenhof des Ortes befand. Es gibt Nachweise, dass der erste Friedhof nahe der ehemaligen Stadtmauer bereits vor 1689 genutzt wurde. Im Laufe der Jahrhunderte gab es immer wieder Streit um diesen Friedhof, da die Stadtoberen alles in ihrer Macht stehende unternommen haben, den Friedhof zu schließen. 1879 wurde der neue jüdische Friedhof an der Gottsbürener Straße eingeweiht, fortan wurden die Toten dort begraben. Der alte Totenhof blieb zunächst bestehen, bis er 1936 zwangsweise an die Stadt verkauft werden musste. Nun wird die Fläche als Gartenland genutzt.

Hat man die Bundesstraße („Poststraße“) erreicht, so geht es nach links. Nach gut zweihundert Metern erreicht man das Alte Rathaus, bis 1972 Verwaltungssitz der bis dahin selbständigen Gemeinde Helmarshausen. Direkt hinter dem Rathaus geht es nach rechts in die ehemalige Judengasse, die heute zur ‚Steinstraße‘ gehört.

 

Die ehemalige Synagoge

Das Haus Steinstraße Nummer 21 (ehemals Judengasse) war lange in jüdischem Besitz und beherbergte von 1851 bis 1937 eine Synagoge. Man kann noch heute an der südlichen Fachwerkseite des Hauses die alten Rundbogenfenster des ehemaligen Gotteshauses erkennen. Das Gebäude wurde 1937 mit Genehmigung des Regierungspräsidenten an eine Privatperson verkauft und anschließend in ein Wohnhaus umgewandelt. Zuvor soll es einen unaufgeklärten Brand gegeben haben, nach dem die Synagoge nicht mehr genutzt wurde.

Geht man die Hauptstraße („Poststraße“) weiter, so gelang man nach einigen hundert Metern zur Diemelbrücke. Überquert man diese und folgt zunächst rechts der Bahnhofsstraße, so gelangt man nach einer Linkskurve auf die „Gottsbürener Straße“. Am Supermarkt und einigen Wohnhäusern vorbei passieren Sie die „Georg-August-Zinn-Straße“ und gelangen nach einigen Metern zum jüdischen Friedhof.

 

Der neue jüdische Friedhof

P1030489Um den neuen jüdischen Friedhof zu betreten zu können, sollten Sie sich vorher mit der Stadtverwaltung Bad Karlshafen in Verbindung setzen (05672/9999-0). Doch hat man auch, ohne das Gelände zu betreten, einen guten Blick auf den Friedhof und seinen alten Grabsteine, die wie durch ein Wunder die Zeit des Naziterrors überstanden haben. Der Friedhof wurde 1958/59 auf Betreiben des damaligen Bürgermeisters wieder hergerichtet. Aktuell befinden sich noch ca. 50 Grabsteine. Eine detaillierte Beschreibung des Friedhofs und der Grabsteine befindet sich in Magda Thierlings Buch ‚Vergessene Geschichte – Jüdisches Leben in Helmarshausen und Karlshafen‚.

Um wieder nach Bad Karlshafen zurückzukehren, gehen Sie die Gottsbürener Straße hinunter, bis sie wieder zum Supermarkt gelangen. Sie überqueren die Straße und folgen dem Fußweg, der sie vorbei an den Tennisplätzen direkt auf den Sonnenweg führt. Auf der Hälfte des Weges befindet sich der Rastplatz „Diemel-Aue“. Sie gehen wieder an Turnhalle und Marie-Durand-Schule vorbei, bis sie nur noch links oder rechts gehen können. Sie gehen nach rechts und gleich wieder links, wo Sie bereits die evangelische Kirche sehen. Wenn Sie die Hafenmauer erreicht haben, sehen Sie vor sich bereits den Ausgangspunkt Ihrer kleinen Wanderung auf den Spuren der jüdischen Gemeinde Helmarshausen/Karlshafen.

 

Weginfo:

Dauer: ca. 120 Minuten (je nach Gehgeschwindigkeit)
Wegqualität: gut
Anspruch: gering/mittel (einige Steigungen und steile Wegabschnitte)

 

Quellen und Anregungen zum Weiterlesen

Thierling, Magda: Vergessene Geschichte – Jüdisches Leben in Helmarshausen und Karlshafen, Reihe „Beiträge zur Geschichte der Stadt Karlshafen und des Weser-Diemel-Gebiets, Band 17, Verlag des Antiquariats Bernhard Schäfer, Bad Karlshafen, 2011.

Schäfer, Bernhard (Hrsg.): Unsere jüdischen Mitbürger in Karlshafen – Austreibung und Leidensweg unter dem Naziregime, Reihe ‚Beiträge zur Geschichte der Stadt Karlshafen und des Weser-Diemel-Gebiets‘, Band 3, Verlag des Antiquariats Bernhard Schäfer, Bad Karlshafen, 1993.

Synagoge Helmarshausen:
www.alemannia-judaica.de/helmarshausen_synagoge.htm.

Persönliche Auskunft vom Heimatverein Bad Karlshafen.

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